Anonyme Geburten - Trauma für die Kinder?

Report Mainz am 28. Mai 2001 im Ersten

Zu einem besonders traurigen Kapitel deutscher Wirklichkeit im Frühjahr 2001: 15. Mai ein toter Säugling treibt im Neckar bei Deitzisau. 17. Mai ein Säugling wird in Rüsselsheim in einem Gebüsch tot aufgefunden. 20. Mai ein Baby wird in einem Feld bei Aachen völlig nackt ausgesetzt und überlebt nur, weil es Spaziergänger zufällig entdecken. Drei von fünf Fällen allein im Mai.

Immer wieder bringen verzweifelte Frauen ihr Baby heimlich zur Welt und überlassen es dann sich selbst. Ärzte und Politiker fordern deshalb: Anonyme Geburten in Kliniken offiziell zuzulassen, um Leben zu retten. Kritiker befürchten einen boomenden, einen grauen Adoptionsmarkt. Sie warnen auch vor psychischen Schäden bei Kindern, die aufwachsen, ohne ihre Herkunft zu kennen. Ein Beitrag von Vera Schmidberger.

BERICHT:

Fast wirkt es wie ein Stück Familienidylle: Junge Mütter und ihre Babys. Doch der Schein trügt, die Kleinen sind keine Wunschkinder. Die jungen Frauen haben hier Zuflucht gesucht. Wir sind in der Nähe von Flensburg in einem Wohnprojekt für Frauen in Not. Und hier erzählt uns Anna ihre tragische Geschichte. Mit 21 ungewollt schwanger, aus Verzweiflung hat sie das Kind in ihrem Bauch verleugnet und versteckt. Bis zum Tag der Geburt. Da ging Anna alleine auf die Toilette und dann kamen die Wehen.

O-Ton, Anna:

»Dann habe ich dann gewußt, da fühlte ich den Kopf schon. Das war schon richtig offen, und dann konnte ich den Kopf fühlen. Und bei der vierten Wehe hat mir mein Körper gesagt oder Engel, weiß ich nicht, irgend etwas, die Natur, weiß ich nicht, was es gewesen ist. Jetzt musst du pressen, dann hab ich einmal gepresst und das Baby ist rausgeflutscht. Ich hatte meine Hände erst mal darunter hingelegt, damit das Baby mit dem Kopf nicht gegen die Toilette stoßen tut oder so was, und auf einmal war sie auf den Händen bei mir, das Baby war da.«

Mit der Nagelschere hat Anna das Kind abgenabelt, alleine auf dem Klo, mir ihrer Angst und den Fragen.

O-Ton, Anna:

»Was ist jetzt, was muss ich jetzt mit dem Kind tun? Geht es dem Kind gut? Muss mit dem Kind irgend etwas gemacht werden? Geht es mir jetzt gut? Muss ich zugenäht werden? Oder stimmt irgend etwas nicht? Muss noch etwas raus von mir? Oder verblute ich vielleicht im Laufe des Tages, wenn es weiter so bluten wird?«

Der Erzeuger des Babys hat Anna bedroht, durfte nichts wissen, entbinden im Krankenhaus für sie deshalb unmöglich.

O-Ton, Anna:

»Das wird alles sofort auf Papieren aufgeschrieben. Davon erfahren auch alle sofort. Man kann so etwas wie reinkommen ins Krankenhaus, entbinden, das Baby zum Beispiel da lassen oder auch mit dem Baby weggehen, das ging gar nicht. Das wird alles sofort auf Papiere geschrieben, Zeugen sind da, und jeder darf darüber reden. Das geht nicht.«

Es sind Schicksale, wie das von Anna, auf das sich diejenigen berufen, die ein neues Recht für Frauen fordern: Das Recht auf anonyme Geburt.

O-Ton, Heidi Kaiser, Verein "SterniPark":

»Es gibt Lebenssituationen für Frauen, die es ihnen nicht gestatten sich zu dem Kind zu bekennen, zu ihrer Mutterschaft und die nicht mit diesem Kind leben wollen. Aber auch sich selbst als Mutter nicht preisgeben können. Und diesen Frauen muss das erlaubt sein. Nach der anonymen Geburt, nachdem sie medizinische Hilfe bekommen haben, dieses Kind nicht anzunehmen und sich auch nicht dazu zu bekennen und das Krankenhaus ohne Kind zu verlassen.«

Was klingt wie progressive Hilfe für Frauen in Not empfinden andere als einen Schlag ins Gesicht. In Stuttgart treffen wir eine Selbsthilfegruppe adoptierter Erwachsener. Anonyme Geburt, das ist für sie eine höhnische Verachtung ihres Schicksals, denn diese Menschen haben Jahrzehnte ihres Lebens damit verbracht, ihre Väter und Mütter zu suchen.

O-Ton, adoptierte Erwachsene:

”Das ist eine Anstiftung zum unglaublichen Verbrechen. Es ist nicht nur das Kind betroffen. Es wird nur eine Lösung gesucht für den Augenblick. Die Lebenserwartung der Menschen ist im allgemeinen so ungefähr 80 Jahre. Aber wie es dem Kind in den 80 Jahren geht, ist gar nicht interessant.“

O-Ton, adoptierte Erwachsene:

”Also für mich kommt das einer Verstümmelung gleich, wenn abgeschnitten wird von meiner Herkunft, von dem, was mich bis zu dem Zeitpunkt ja nur ausmacht.“

O-Ton, adoptierte Erwachsene:

”Ich hätte noch eine Frage: Was passiert mit Kindern, die anonym geboren werden und behindert und krank sind?“

Bedenken, die das Heer der Befürworter nicht gelten lässt. In dieser Klinik in Saarbrücken hat man gerade beschlossen künftig anonyme Geburten anzubieten. Jetzt beginnt das organisatorische Tüfteln. Als sich Mitarbeiter aus Kreissaal und Verwaltung zum ersten Gedankenaustausch treffen, dürfen wir dabei sein. Wie schleust man eine Frau unerkannt durch das System Krankenhaus? Und wie soll man sie nennen? Ein erster Vorschlag: Die Anonymen einfach durchnumerieren.

O-Töne, Klinikpersonal:

”Numero eins, oder die nächste die Patientin Numero zwei ist; ich denke, es ist ganz einfach.“
”Wie wollen wir die Frau...“
”Nur eins darf man nicht vergessen bei der ganzen Sache, wenn wir die EDV-technisch aufnehmen, und das muss ich machen, um das Etikett auszudrucken, sind die im System. Also im EDV-System, natürlich unter diesem Pseudonym, das ist schon klar. Aber auf diese Patientenverwaltung haben erst mal alle Dienstgruppen - ich sag' das mal ganz banal - Zugriff. Wir müssen natürlich schon gewappnet sein, dass unter Umständen ein Mitarbeiter, beispielsweise der Aufnahme, irgendwann mal im EDV-System guckt und feststellt: Was ist denn das?“

Noch bewegen sich die wohlmeinenden Ärzte in einer rechtlichen Grauzone. Eine gesetzliche Grundlage fehlt. Trotzdem werden landauf, landab Fakten geschaffen. Immer mehr Kliniken ziehen nach. Dazu gibt es politischen Rückenwind. Das Land Thüringen etwa hat alle Krankenhäuser einzeln aufgefordert, Frauen auf Wunsch anonym entbinden zu lassen. Und darauf ist man stolz. Frauen helfen und Babys retten, wer könnte dagegen schon ernsthaft etwas sagen? Da braucht die Politik nur noch zu vollstrecken. Und tatsächlich, ein neues Gesetz soll kommen. Getragen von einer bemerkenswerten Allianz, quer durch alle Fraktionen.

O-Ton, Annette Widmann-Mauz, MdB, CDU:

”Nach unserer Initiative, die wir im vergangenen Herbst gestartet haben, sind wir auf eine große Offenheit gestoßen, weil allen Fraktionen und den Kolleginnen in den Fraktionen das Lebensrecht der Kinder sehr am Herzen liegt. Und uns ja die gesundheitliche Seite dieser Fragestellungen wichtig ist.“

O-Ton, Irmingard Schewe-Gerigk, MdB, B'90/Grüne:

”Für uns ist es eigentlich ein Abwägungsprozess. Ist das Leben des Kindes im Mittelpunkt? Oder das Recht auch das ein Kind hat auf Identität? Und wenn ich das abwäge, dann ist das Leben des Kindes für mich im Vordergrund, und deshalb muss ich alles tun, um Regelungen zu finden, die dieses Leben der Kinder auch schützen können.“

Leben schützen als Totschlagargument. Was wenn das neue Recht missbraucht wird? fragen die Kritiker. Schafft man nicht vielleicht künstlich einen Markt von Findelkindern? Ein Angebot zur legalen Aussetzung?

O-Ton, Prof. Christine Swientek, Universität Hannover:

”Sie sind alle hysterisch. Sie sind alle überzeugt von ihrem wunderbaren Gutmenschentum. Sie wollen alle Babys retten. Sie wollen alle Frauen retten. Sie retten viel mehr, als überhaupt gerettet werden müssen. Jede Kommune will dabei sein. Jeder Klinikdirektor will noch ein Stückchen abgeschnitten haben von diesem Lob: Auch wir machen es. Und dahinter steckt: Und bitte stört uns dabei nicht.“

Dabei braucht man nur über die Grenze zu schauen wovor die Mahner bei uns Angst haben. In Frankreich gibt es die anonyme Geburt seit rund sechzig Jahren. Ein Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg. Resultat: Hunderttausende von Menschen suchen ihre Eltern, geboren "unter X" nennt man sie.

In einem Café in Paris treffen wir Natalie. Seit Jahren sucht sie nach ihrer Mutter. Sie fühlt sich verletzt, erzählt sie uns, hintergangen, eines Stückes ihres Lebens beraubt. Auf einer Karte zeigt uns Natalie ihre Fahrten quer durch Frankreich. Sie stammt aus Saint-Brieuc hat sie herausgefunden. Mittlerweile kennt sie die Klinik in der sie geboren wurde, sogar die Zimmernummer. Nur ihre Mutter kennt sie nicht.

Zu Hause bei Natalie, Treffen mit Schicksalsgenossen. Die anonym Geborenen in Frankreich sind gut organisiert. Jedes Jahr Ende Mai gehen sie in Paris auf die Straße. Natalie hat Entwürfe gemacht für die kommende Demo. Ja, wir wollen Druck machen, sagen sie. Und tatsächlich gibt es erste Erfolge. Übermorgen findet in der Nationalversammlung eine Gesetzeslesung statt. Ein Gesetz, das den Geborenen "unter X" mehr Rechte einräumen soll. Was für eine Ironie: Exakt zur gleichen Stunde wird in Deutschland in einer Expertenanhörung im Reichstag über die Einführung anonymer Geburten diskutiert.

O-Ton, Manuel, geboren "unter X":

” "Unter X" geboren zu sein ist ein Horror! Das dürfte es nicht geben. In Frankreich sind wir Hunderttausende von Kindern, die ihre Eltern suchen. Wenn die Stimme und der Protest Hunderttausender Kinder in Frankreich Deutschland nicht begreiflich machen können, dass das ein Fehler ist, dann ist das sehr schade.“

Zurück nach Deutschland: Frauen wie Anna brauchen Hilfe, ohne Zweifel. Keine Frau im reichen Deutschland sollte ihr Kind alleine auf der Toilette gebären müssen. Auch das ist Horror. Doch die Anonyme Geburt ist ein zweischneidiges Schwert. Als Ausnahme in Krisensituationen mag sie funktionieren. Als gesetzlich verankertes Angebot könnte sie neue Probleme schaffen. Doch wer sich in Kliniken, bei Parteien und sozialen Diensten umhört, dem wird klar: Deutschland ist fest zur anonymen Geburt entschlossen. Zur Erinnerung: Das Grundgesetz garantiert jedem Menschen das Recht auf Kenntnis seiner Herkunft. Wer das mit der Berufung auf das Recht zu leben vom Tisch wischt, der macht es sich zu einfach.

Abmoderation Bernhard Nellessen:

Am Mittwoch wird sich der Bundestag in einer Anhörung erstmals mit der Frage anonymer Geburten befassen. Mehr zu diesem Thema in unserer Sendung "REPORT nachgefragt" um 22:15 im Südwestfernsehen. Diskutieren Sie mit, schildern Sie Ihre Erfahrungen, mailen Sie oder rufen Sie uns an unter der 01805 - 904490.

 

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