Presseartikel Thema Anonyme Geburt

 

21.09.2001

Stadt richtet Babyklappe ein
Von Hilmar Pfister

Anonyme Geburt rechtlich strittig - Aber: Können Mütter in Not nicht abweisen
Das Olgahospital richtet eine Babyklappe ein. Neugeborene Kinder sollen somit künftig anonym in ärztliche Obhut gegeben werden können. "Unsere oberste Pflicht ist es, das Leben des Kindes zu schützen", sagte Bürgermeister Dieter Blessing in der gestrigen Sitzung des Gesundheitsausschusses.

1999 wurden in Deutschland 40 Kinder ausgesetzt, 20 von ihnen starben, bevor sie entdeckt wurden."Eine Babyklappe kann Leben schützen und Kindstötungen verhindern", erklärte Blessing. Die Babyklappe soll in einem der Personalwohngebäude eingerichtet werden, erläuterte Eva Seeger, die Verwaltungsdirektorin des Olgahospitals. "Wir achten darauf, dass eine Mutter, die ihr Kind abgibt, nicht gleich auffällt." Streng überwacht wird hingegen das Bett, in dem das Neugeborene liegt. "Über einen Sensor merken wir sofort, wenn sich etwas tut." Außerdem soll das Bett mit einer Videokamera beobachtet werden. Seeger rechnet aber nicht damit, dass jährlich mehr als drei Kinder abgegeben werden. Zunächst hatten die Stadträte die anonyme Geburt als Lösungsmöglichkeit bevorzugt. Dabei können Mütter im Krankenhaus entbinden, ohne Angaben zu ihrer Person machen zu müssen. Meldet ein Arzt den Namen der Mutter nicht, verstößt er aber gegen das Personenstandsgesetz. "Wenn eine Mutter in Not ist und ihr Kind anonym entbinden will, wird sie trotzdem nicht abgewiesen", sagte Blessing.

Für Professorin Elisabeth Merkle, Chefärztin der Frauenklinik Berg, ist vor allem wichtig, "dass wir jetzt in dieser Hinsicht schnell und kompetent handeln. Wir können die anonyme Geburt nicht propagieren, aber wir werden die Mütter sicherlich auch nicht abweisen".

Die Mehrzahl der Ausschussmitglieder befürwortete die Babyklappe. "Natürlich wäre es besser gewesen, wenn wir bei der anonymen Geburt gesetzlich abgesichert wären", sagte CDU-Stadträtin Helga Vetter. Sie hoffe allerdings auf eine baldige Gesetzesänderung. Kritik kam hingegen von FDP-Stadträtin Gisela Dahl: "Ein Kind, das in der Babyklappe abgegeben wird, hat keine Zukunft. Das ist eine Scheinheiligkeit der Gesellschaft." Der Mutter sei damit weder vor noch nach der Geburt geholfen.

Die Stuttgarter Selbsthilfegruppe für adoptierte Erwachsene geht einen Schritt weiter und lehnt Babyklappe und anonyme Geburt völlig ab. "Diese Kinder werden ihre Familien niemals kennen lernen, ihnen werden von vornherein die Wurzeln abgeschnitten", sagte Anita-Verena Brandsch.

Dass die Einrichtung einer Babyklappe Leben retten kann, stellt Brandsch außerdem in Frage.

Quelle: Stuttgarter Nachrichten online

 

05.09.2001

ESSEN (kab). Der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Essen wirbt seit Anfang des Monats mit Plakaten auf Müllwagen für seine Babyklappe zur anonymen Abgabe von Säuglingen. Für ein halbes Jahr haben die Entsorgungsbetriebe Essen ihre 35 Sammelfahrzeuge kostenlos als mobile Plakatwände zur Verfügung gestellt. Hintergrund: Seit Eröffnung der Essener Babyklappe Anfang des Jahres ist dort noch kein Säugling abgegeben worden.

"Ablegen von Babys verboten", heißt es auf acht verschiedenen Motiven. Sie zeigen Stellen, an denen heimliche Geburten stattfinden und Babies abgelegt werden, wie etwa Dachböden oder Müllcontainer.

Oft werde der Kirche vorgeworfen, ihre Anliegen zu bieder zu transportieren, sagte der Schirmherr der Aktion, Weihbischof Franz Vorrath. Jetzt habe man sich für einen Weg entschieden, der die Menschen schockieren und wachrütteln solle. Die Beratungsstelle für Schwangere bei der Arbeiterwohlfahrt und die Junge Union haben gegen die Aktion protestiert.

Quelle: Ärzte Zeitung

 

29.05.2001

Die katholische Kirche Vorarlbergs versucht, auf aktuelle Themen wie Euthanasie, die Babyklappe und auf das Klonen von Embryos Antworten zu geben. Bischof Küng hat auf die fachlichen Einrichtungen für Familien aufmerksam gemacht. TED
Der Feldkircher Bischof Klaus Küng und Abt Kassian Lauterer vom Bregenzer Stift Mehrerau haben sich am Dienstag mit Nachdruck für den uneingeschränkten Schutz menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod ausgesprochen. "Jedes Leben ist ein Geschenk, das wir von Gott empfangen, niemand darf willkürlich darüber verfügen", war die zentrale Aussage von Familienbischof Küng, der gemeinsam mit Abt Kassian den internationalen Tag des Lebens (1.6.) zum Anlass nahm, um in der Mehrerau auf Initiativen im Dienst des Lebens hinzuweisen.

JA ZUR ANONYMEN GEBURT
Zu den umfangreichen kirchlichen Angeboten im Bereich Ehe-, Partner-, Familien- und Lebensberatung könnte in absehbarer Zeit im Sanatorium des Klosters Mehrerau ein "Babynest" kommen, wo verzweifelte Mütter ihr Neugeborenes anonym abgeben können, statt es womöglich irgendwo abzulegen. Die von Küng angeregte Einrichtung sollte nicht als Aufforderung missverstanden werden, sondern als Signal, als Angebot und "letzte Möglichkeit" einer Anlaufstelle für Frauen in Not. Bischof Küng und Abt Lauterer erklärten übereinstimmend ihr Ja zur Möglichkeit der anonymen Geburt in Spitälern. Im Vorarlberger Landtag soll noch vor dem Sommer eine entsprechende Möglichkeit beraten werden. Abt Kassian Lauterer: "Je überflüssiger das Babynest wird, umso besser".

NEIN ZUR EUTHANASIE
Auch am "anderen Ende des Lebens" sei oft Hilfe wichtig, im Sanatorium Mehrerau werde auch die Einrichtung einer kleinen Palliativstation für die Begleitung Sterbender geplant, sagte der Abt. Familienbischof Küng bekräftigte die Ablehnung der Kirche zur Legalisierung der Euthanasie. Behinderung, Leid, Krankheit und Tod gehörten zum Leben und dürften nicht ausgeblendet, an den Rand geschoben oder verdrängt werden.

Ein neuerliches klares Nein deponierte Küng zur Forschung mit menschlichen Embryonen. Es sei davon auszugehen, dass jede befruchtete Eizelle "ein Mensch im Werden" sei und die Würde menschlichen Lebens besitze. Wissenschaftliche Fortschritte seien wichtig und gut, aber dies dürfe nicht ohne Beachtung ethischer Grundsätze geschehen.

Sorge bereitet Bischof Küng die pränatale Diagnostik, weil Eltern oft unter belastenden Druck geraten können, wenn während der Schwangerschaft eine Behinderung entdeckt oder vermutet wird. "Oft bedeutet dies ein Todesurteil für das Kind", sagte Küng und appellierte, auch zu einem kranken und vielleicht schwerbehinderten Kind ja zu sagen: "Das Lebensrecht des Menschen ist heilig, auch das eines Behinderten".

 

24.07.2001

Internet-Info zur anonymen Geburt
Hotlines, Beratungsstellen, anonyme Vorsorge - Untersuchungen

Wien - Seit kurzem ist in allen städtischen Spitälern die anonyme Geburt möglich. Dazu wird eine umfassende Betreuung für Frauen in Notsituationen für die Zeit vor und nach der Geburt angeboten - ebenfalls unter Zusicherung von Anonymität. Informationen dazu sind nun auch im Internet abrufbar: alle wichtigen Hotlines, Beratungsstellen samt Sprechstunden sowie Informationen zu anonymen Vorsorgeuntersuchungen und - für alle Fälle - zur anonymen Geburt. Auch Informationen zur Babyklappe im Wilhelminenspital ist angeführt. Zu finden unter (aw; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.8.2001)

 

Fünf-Punkte-Programm der Jungen Union
Mit sechs Vertretern ist die Junge Union (JU), die Nachwuchsorganisation der CDU im Stadtparlament vertreten. Jetzt hat sie ein Fünf-Punkte-Programm vorgestellt.
Nach Frankfurter Vorbild wünscht sich die JU in Wiesbaden eine „Babyklappe”, an der junge Mütter anonym Neugeborene abgeben können. Die Kinder könnten sofort betreut werden. Wenn sich innerhalb von acht Wochen die Mutter nicht meldet, sollten die Babies zur Adoption freigegeben werden. Die JU fordert weiter ein Multiplexkino an der Mainzer Straße, legt sich aber nicht auf einen Betreiber fest. Parallel zu den offiziellen Wahlen schlägt der CDU-Nachwuchs „Juniorwahlen” vor, bei denen Kinder spielend den Umgang mit Demokratie lernen könnten. Außerdem plädiert man für ein öffentliches Gelöbnis der Bundeswehr in Wiesbaden. Ex-Verteidigungsminister Rühe (CDU) habe diesen Vorschlag 1998 begrüßt. Da auch sein Amtsnachfolger Scharping (SPD) öffentlichen Gelöbnissen nicht negativ gegenüber stehe, greift man den Vorschlag jetzt wieder auf.

Mit einem Preis für Zivilcourage, benannt nach dem Biebricher Generaloberst Ludwig Beck, sollen nach dem Willen der JU Menschen geehrt werden, die die für die Ideale der Männer und Frauen des 20. Juli stünden. Das Programm ist im Internet unter www.ju-wiesbaden.de zu finden.

 

23.07.01

Bürgerforum nimmt Stellung
Als "weiteren Schritt zu einer kinderfreundlichen Stadt Ludwigshafen" wertet Stadträtin Andrea Wendel (Bürgerforum, bisher FWG) die "Babyklappe", die (wir informierten zuletzt am Samstag) am St. Marienkrankenhaus Ende Oktober eingerichtet werden soll.
Wendel fordert aber, dass auch gewährleistet sein müsse, dass die werdene Mutter im Krankenhaus die Möglichkeit erhalte, "unter geordneten medizinischen Bedingungen ihr Kind auf die Welt zu bringen", ohne dass die Frau anschließend hohe Kosten auf sie zukommen fürchten müsse.

Wendel: "Ausführliche, sachliche Informationen sind unumgänglich. Im Vorfeld muss der Frau eine umfassende Beratung zur Verfügung stehen, zum Wohle von Mutter und Kind, aber wenn es unumgänglich ist, sollte auch in Ludwigshafen eine anonyme Geburt möglich sein. (ugf)

Quelle: RON - RHEINPFALZ ONLINE

 

09.06.2001

Anonyme Geburten in Wien und Niederösterreich erlaubt
[...] Schon zwei Kinder unbekannter Eltern geboren - Mutter-Kind-Pass unter "fiktivem Namen".

WIEN, ST. PÖLTEN (SN-bm, APA). Anonyme Geburten, bei denen Frauen weder Namen noch Adresse angeben müssten, seien ab sofort in ganz Niederösterreich möglich, sagte am Freitag die zuständige Landesrätin Liese Prokop (ÖVP). Erst vor kurzem fand die erste anonyme Geburt in Niederösterreich statt - die Frau war damals in Wien weggeschickt worden und Korneuburg hatte den "Fall" übernommen. Die Kosten für solche Fälle - man rechnet mit drei bis fünf pro Jahr - trägt das Land. Die Stadt Wien jetzt hat nachgezogen und gestattet nun auch in allen ihren Spitälern anonyme Geburten. Erst dieser Tage brachte eine Frau im Beisein des Kindesvaters in der Semmelweis-Klinik anonym ein gesundes Kind zu Welt. Sie habe in den Akten lediglich einen Fingerabdruck hinterlassen müssen, sagte dazu der Spitalsleiter Peter Wagenbichler am Freitag. Durch den Fingerabdruck könne die Patientin - quasi anonym - identifiziert werden. Das Kind soll zur Adpotion freigegeben werden, bis dahin ist es bei Pflegeeltern. Sollte es sich die Mutter anders überlegen, prüft das Pflegschaftsgericht, ob eine Rückgabe an die Mutter sinnvoll ist oder nicht. Nach der Adoption hat die Mutter keinen Anspruch mehr auf ihr Kind. Sie kann jedoch beim Jugendamt einen Brief hinterlegen, durch den das Kind seine Herkunft erfährt. Auch Wien übernimmt die Kosten für anonyme Geburten. Gesundheitsstadträ-tin Elisabeth Pittermann (SPÖ) verwies am Freitag auf die Möglichkeit anonymer Schwangerschaftsuntersuchungen sowie darauf, auch einen Mutter-Kind-Pass unter "fiktivem Namen" zu erhalten.

Quelle: Salzburger Nachrichten

 

08.06.2001

Erste anonyme Geburt in Wien
[...] Wien - Premiere. In Wien hat vor einigen Tagen erstmals eine so genannte anonyme Geburt stattgefunden. Eine Frau brachte in der Ignaz-Semmelweis-Klinik ein Kind zur Welt, ohne ihren Namen und ihre Herkunft zu nennen.

Sie hat in den Akten lediglich einen Fingerabdruck hinterlassen, wie der ärztliche Leiter der Klinik, Univ.-Prof. Dr. Peter Wagenbichler, am Freitag in einer Pressekonferenz mit Wiens Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann (SPÖ) mitteilte.

"NORMALE" GEBURT
Laut Wagenbichler hat es sich - aus medizinischer Sicht - um eine "normale" Geburt gehandelt. Die Frau erkundigte sich demnach zunächst telefonisch nach der Möglichkeit einer anonymen Niederkunft. Anschließend sei sie mit Wehen in die Klinik gekommen und habe noch am selben Tag entbunden - übrigens im Beisein des Kindesvaters.

ADOPTION
Das Kind wird nach Angaben Wagenbichlers zur Adoption freigegeben. Für die Mutter war es nicht der einzige Besuch in der Semmelweis-Klinik. Sie kommt regelmäßig zur ambulanten Nachbetreuung, wie der ärztliche Leiter berichtete. Die Kosten für Geburt und Behandlung übernimmt die Stadt Wien. Anfang Mai hatte der Fall einer kurz vor der Geburt stehenden Frau für Aufsehen gesorgt, die, nachdem sie den Wunsch nach Anonymität geäußert hatte, vom Wiener Wilhelminenspital ins Krankenhaus nach Korneuburg gebracht worden war. Die Stadt Wien hat auf diesen Vorfall reagiert. Stadträtin Pittermann: "Wir haben uns entschlossen, die anonyme Geburt auch sofort zuzulassen." Sie verwies am Freitag auch auf die Möglichkeit einer anonymen Beratung in den Gemeindespitälern. apa/jf

 

Rücknahme des Kindes nicht ausgeschlossen
[...] Wien - Dass die Frau in der Semmelweis-Klinik ihren Fingerabdruck hinterlassen hat, hat verschiedene Gründe, wie der ärztliche Leiter der Anstalt, Univ.-Prof. Dr. Peter Wagenbichler, erläuterte.

Zum einen sei es für manche medizinische Maßnahmen notwendig, die betroffene Person um ihr Einverständnis zu bitten. Durch einen Fingerabdruck könne der Patient - quasi anonym - identifiziert werden. Doch auch das Recht auf das Kind hat die Mutter mit ihrem "Print" dokumentiert. Fingerabdruck als Sicherheit

Denn es ist prinzipiell nicht ausgeschlossen, dass die Frau ihr Baby doch noch zu sich nimmt, wie der Leiter der Magistratsabteilung 15 (Gesundheits- und Spitalswesen), Karl Graf, bei der Pressekonferenz am Freitag betonte. Zunächst übernimmt aber die Jugendwohlfahrt die Obsorge des neuen Erdenbürgers. Er wird am Anfang bei Pflegeeltern untergebracht. Nach einer gewissen Zeit wird die Adoption vorbereitet.

Kommt es zu einem Vertrag mit den "neuen" Eltern, dann ist die Adoption rechtskräftig und die leibliche Mutter hat laut Graf keine Möglichkeit mehr, das Kind wieder zu erlangen. Entscheidet sie sich vor der endgültigen "Übergabe", dann wird (in Zukunft vom Pflegschaftsgericht) geprüft, ob eine Rückgabe des Kindes an die Mutter sinnvoll ist oder nicht. Fiktiver Mutter-Kind-Pass "Das Kind hat aber die Möglichkeit, seine Identität zu erfahren", wie Karl Graf betonte. So kann eine Mutter nach einer anonymen Geburt einen Brief an ihren Sprössling schreiben, der beim Jugendamt deponiert wird. Will das Kind später seine Herkunft erfahren, kann es die schriftliche Nachricht jederzeit beheben. Von dieser Möglichkeit wird auch in einem Merkblatt informiert.

In dem Papier wird den Frauen zudem dringend geraten, die notwendigen Vorsorgeuntersuchungen durchführen zu lassen. Auch das ist anonym möglich. Die Schwangere muss lediglich einen fiktiven Namen wählen, auf den sogar ein Mutter-/Kind-Pass ausgestellt werden kann. Auch auf die Möglichkeit, Gespräche mit Sozialarbeitern und Psychologen zu führen, wird in dem Merkblatt hingewiesen. Kritik Völlig unumstritten ist die anonyme Geburt nicht. Der Chef des psychosozialen Ambulanz im Wiener AKH, Martin Langer, kritisierte heute, dass damit die Chance genommen werde, das soziale Problem, das hinter der Notlage stehe, zu betreuen. Wiens Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann (SPÖ) betonte, dass die anonyme Niederkunft kein "Allerheilmittel" sei. Sie verwies jedoch auf die Möglichkeit, dass verzweifelte Mütter durch vorangehende Beratung Vertrauen gewinnen, was die Lösung von Problemen erleichtern könne.

 

20.05.2001

Fünf Mütter deklarieren sich doch
[...] Wiener Spital sammelt seit Monaten Erfahrungen mit anonymer Geburt von Manuela Unterleitner.

Im Die erste anonyme Geburt eines Buben im Krankenhaus Korneuburg hat gehörig Staub aufgewirbelt. Dort können Mütter, die ihre Identität in einer Notsituation nicht preisgeben wollen und das Baby zur Adoption freigeben, seit Ende März kostenlos entbinden.

Im St. Josef Krankenhaus Schwestern Salvatorianerinnen in Wien wird die anonyme Geburt schon seit rund zehn Monaten angeboten: Fünf Frauen haben sich bereits an das Spital gewandt. "Doch im Laufe der Betreuung entschlossen sich alle fünf, ihre Identität bekannt zu geben: Drei gaben ihr Kind schließlich zur Adoption frei, zwei nahmen es selbst an. Das war eine Entwicklung, die mich selbst sehr gewundert hat", so Andreas Brandstetter, Vorstand der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe. Das jüngste Baby, dessen Mutter ursprünglich anonym bleiben wollte, kam Donnerstagnacht zur Welt.

"Eine weitere Frau, die ihren Geburtstermin im September hat, beharrt wiederum auf ihrer Anonymität", so Brandstetter, der erläutert: "Rechtlich unklar ist noch, innerhalb welcher Frist jene Frauen, die sich von ihren Babys trennen, das Kind zurücknehmen könnten: Manche sagen acht Wochen, andere bis zu einem Jahr."

VIERTES KIND
Eine der Mütter wollte laut Brandstetter durch die anonyme Geburt verhindern, dass der Arbeitgeber von ihrem bereits vierten Kind erfährt. "Die anderen vier Frauen waren in schwierigen privaten Verhältnissen und hatten Angst, dass die Familie etwas mitbekommt. Sie hatten durch ihre Kleidung die Schwangerschaft verborgen.

Wir konnten den Frauen klar machen, dass auch bei Bekanntgabe des Namens gegenüber der Behörde nichts nach außen dringt." Zwei der Mütter waren noch minderjährig. "Die anderen waren zwischen zwanzig und vierzig und hatten bereits Erfahrung mit Geburten", erklärt Brandstetter, der hofft, mit der anonymen Geburt "überschießenden Panikreaktionen, wo Kinder regelrecht weggeschmissen werden, entgegenzuwirken". Reinfried Gänger, der Leiter der Abteilung Jugendwohlfahrt der Landesregierung NÖ, bezweifelt das: "Man weiß aus der Erfahrung andernorts, dass psychisch in Not befindliche Frauen, die ein Kind umbringen, auf die anonyme Geburt nicht ansprechen. Daher gibt es Bedenken, dass Frauen mit der Neigung, das Baby wegzulegen, es auch weiterhin tun werden. Und jene, die ihre Babys unter schwieriger menschlicher Gefährdung zur Welt gebracht haben, haben auch bis jetzt ihr Kind nicht gefährdet." Ihm liege besonders Beratung bei psychischen Problemen und Nachfolgebetreuung der Mütter am Herzen.

IM VERBORGENEN
"Es hätte des Anstoßes durch Korneuburg nicht bedurft. Wir arbeiten schon seit einem halben Jahr daran. Und hätte sich bei uns eine Frau gemeldet, hätten wir ihr schon jetzt eine Möglichkeit zur anonymen Geburt angeboten. Das konnten wir allerdings nicht in die Öffentlichkeit tragen, weil wir sonst alle Spitäler brüskiert hätten, die sich in Abwartung der Klärung der Rechtslage eingereiht haben", so Gänger.

 

Gesellschaft / Babyklappe
Stellungnahme der Thüringer Landesregierung zum Problem der "anonymen Geburt" (SPD-Antrag) / Schutz von Mutter und Kind in Geburtskonfliktsituationen im Freistaat Thüringen (CDU-Antrag)
Zum Antrag der Fraktion der SPD - Drucksache 3/1278 - und Antrag der Fraktion der CDU - Drucksache 3/1295
Gehalten in der 38. Sitzung am Freitag, den 23. Februar 2001 (Plenarprotokoll 3/38)

Katja Wolf Geboren am 7. März 1976 in Erfurt PDS-Abgeordnete des Thüringer Landtages Frauenpolitische Sprecherin der PDS-Fraktion Diplomsozialarbeiterin/Sozialpädagogin

Frau Präsidentin, meine Damen und Herren, ein ernstes und schwieriges Thema steht heute im Raum. Ich bin mir sicher, dass alle Anwesenden Trauer und Entsetzen empfinden, wenn sie an das tote Kind denken, was im Dezember in Thüringen gefunden wurde. Sicher, die Zahl solcher Fälle ist fast verschwindend gering. Wir sehen, ein Fall in Thüringen wurde bekannt. Pro Jahr werden ungefähr 15.000 bis 20.000 Kinder in Thüringen geboren. Aber, ich denke, es herrscht Einigkeit hier im Raum, jeder Fall, und wenn es eb en auch nur einer ist, ist einer zu viel und muss, wenn es irgendwie möglich ist, verhindert werden. (Beifall bei der PDS)

Ich sage so leicht, wenn es irgendwie möglich ist. Wir müssen bedenken, dass sich Frauen oft in einer für uns nicht vorstellbaren Not- und Stresssituation befinden; sie sehen sich völlig hilflos und ausweglos in ihrer Lage. Dies führt zu für uns nicht erklärbarem Vorgehen im Umgang mit Schwangerschaft und Geburt. Diese Frauen sind oft nicht erreichbar für Beratungsangebote und Konfliktberatungsstellen. Ich sage es an dieser Stelle ganz offen: Jeder Weg, der einem Kind das Leben rettet und einer Frau in ih rer Situation hilft, ist für mich wertvoll. Und hier muss über die so genannte Babyklappe, das Wort ist nicht besonders glücklich, aber ein extremes Wort in einer extremen Situation, genau so geredet werden, wie über eine anonyme Geburt. Frauen müssen die Chance haben, ihre Kinder unter besten Bedingungen und Standards zu gebären. Sie brauchen auch anschließend eine nicht zu unterschätzende Zeit, um ihre Situation zu bedenken. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit eines durchdachten Hilfesystems. Die Schwa ngerschaft muss betreut werden, auch ohne die Nennung des Namens, nach der Geburt müssen notfalls Pflegefamilien zur Verfügung stehen, aber auch Einrichtungen, wo Mutter und Kind sozusagen auf Probe zusammenleben können. Ebenso müssen Therapieangebote im Nachgang für die Mutter zur Verfügung stehen. All dies, sage ich offen, muss auch anonym möglich sein. Babyklappen dienen als weitere Optionen in extremen Notsituationen. Hier weiß die Mutter in ihrer Verzweiflung das Kind in Sicherheit und in guten Hände n. Sie hat dabei auch die Möglichkeit, ihre Lage mit Abstand zu betrachten, in Ruhe Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen und sich vielleicht doch noch für das Kind zu entscheiden. Diese Hilfsangebote müssen ineinander greifen. Wir brauchen in Thüringen u.a. auch ein weit bekanntes kostenloses Beratungstelefon, was 24 Stunden am Tag erreichbar ist.

Meine Damen und Herren, in diesem Haus herrscht eine für mich wichtige Einigkeit im Kampf um Neugeborene. Aber trotz allem, was hier für anonyme Geburt und Babyklappe vorgebracht wurde von mir, ich denke, wir haben auch die Pflicht, über negative Facetten zu sprechen, uns auch über Nachteile bewusst zu werden. Ich weiß, das ist im Moment nicht besonders populär, aber ich bitte Sie trotzdem, mir zuzuhören. Ich denke, wir können nicht ignorieren, dass sich über 200 Adoptionsbetroffene und Fachleute öffentli ch gegen anonyme Geburten und Babyklappen aussprachen. Und, meine Damen und Herren, ihre Argumente sind nicht in allen Fällen vom Tisch zu wischen. Es zeigt sich gerade an diesem Punkt, dass wir das Ganze nicht in schwarz und weiß, in richtig und falsch trennen können.

Auf dem ersten Blick wirkte auf mich auch die Aktion Babyklappe und anonyme Geburt bestechend in Notsituationen, aber auf dem zweiten Blick werden Nachteile sichtbar, die ich nicht verheimlichen kann und nicht verheimlichen will. Die Babykl appe und die anonyme Geburt ist oft nur auf dem ersten Blick eine Erleichterung für die Mütter. Sie werden noch mehr als früher in die völlige Sprachlosigkeit, Vereinsamung und Isolation gedrängt. Findelkindern wird jede Chance genommen, sich auf die Suche nach ihren Wurzeln zu begeben. Adoptiveltern sind ohne Kenntnisse der Vorgeschichte den Fragen der Adoptierten hilflos ausgeliefert. Es ist doch nicht aus der Luft gegriffen, meine Damen und Herren, dass sich Fachleute seit mehr als 20 Jahren für Öffnun g der Adoptionen aussprechen. Das Kennenlernen der Mutter, der Adoptionsumstände und der Adoptionsmotive gehört ganz wichtig zur Identitätsfindung eines Menschen und das Wissen um die eigene Abstammung ist doch nicht umsonst ein so hohes Gut in unserer Gesellschaft. Das Verfassungsgericht bestätigte es als Persönlichkeitsrecht. Alle, die mit Adoptierten arbeiten, wissen, wie viel Leid sich in den meisten Fällen hinter der Entwurzelung und der Suche nach der eigenen Identität verbirgt. Findelkinder haben n icht einmal die Chance, sich auf diese Suche zu begeben. Sie werden jetzt denken, aber dafür wurde ihr Leben gerettet. Meine Damen und Herren, ich sage hier, auch ich denke dies und ich denke, das ist ein wichtiger Punkt. Aber jeder, der sich mit dieser Problematik beschäftigt, kommt zu dem Schluss, dass Frauen, welche ihr Kind nach der Geburt aussetzen oder gar töten, sich in einer absoluten psychischen Ausnahmesituation befinden. Sie verdrängen die Schwangerschaft oft bis kurz vor der Geburt, werden davon oftmals völlig überrascht und in der Kurzschlussreaktion setzen sie ihr Kind aus. Ich gebe zu, ich habe berechtigte Zweifel, ob eine Frau demnächst in Elxleben nach ihrer Niederkunft dann das Kind in ein Auto setzt und zur Babyklappe nach Erfurt bringt. Sicher wird die Klappe genutzt werden. Die Frage ist doch nur, ob sie von den Frauen genutzt wird, welche man auch erreichen wollte. Wird hier nicht ein sehr hoher Preis bezahlt für eine neue Klientel?

Wir geben mit der anonymen Geburt und der Babyklappe die Möglichkeit, normale Adoptionsverfahren zu umgehen. Es gibt in Deutschland inzwischen ein weit ausgebautes Netz an Beratungs- und Hilfsangeboten für schwangere Frauen. Diese Angebote werden oftmals heute nicht genutzt. Gilt es nicht, diese Gründe dafür zu beseitigen? Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass es vielfältige Gründe gibt, anonym gebären zu wollen. Ich nenne hier nur kurz die für mich Wichtigsten: In vielen Fällen kommt es zum Druck von Seiten der Familie. Normalerweise werden Behörden eingeschaltet bei einer Geburt, der Name der Mutter wird hinterlegt, auch bei einem Adoptionsverfahren. Es kann j edoch in der Familie durchaus ein Interesse bestehen, dass der Name nirgends erscheint. Dies wird vor allem dann geschehen, wenn der Vater aus dem engsten familiären Umfeld kommt. Ich spreche hier also von Inzest. Oder auch, wenn die Familie die Schande befürchtet, bedenken Sie hier bitte auch die Situation von jungen ausländischen Mädchen. Hier legitimieren Babyklappe und anonyme Geburt also Straftaten und überholte frauenverachtende Ansichten. Ich bitte, das nicht zu verachten, diesen Ansatz. Weiterhin ist ein weiterer Punkt, der zur Nutzung von anonymer Geburt und Babyklappe führen kann, eine Fremdbestimmung der Mutter. Es kann nicht kontrolliert werden, wer ein Kind in eine Klappe legt. Es besteht also auch die Möglichkeit, dass ohne Einverständnis der Mutter ein solcher Vorgang passiert, getreu nach dem Motto: "Du weißt im Moment doch eh' nicht, was das Beste für dich ist." (Zwischenruf Abg. Bechthum, SPD: Aber ...)

Aber ich denke, wir sollten doch auch über diese Aspekte uns klar werden, Frau Bechthum. Ein dritter Punkt, der natürlich auch zur Nutzung der Babyklappe führt, ist eine erhoffte psychische Entlastung der Mutter, da sie kein Adoptionsverfahren durchstehen muss. Ich denke, dieser Ansatz ist ganz wichtig und den müssen wir auch ernst nehmen. Aber ich denke, dass es für viele Mütter im Nachhinein natürlich viel, viel schwerer ist, damit umzugehen, überhaupt nichts zum weiteren Verbleib ihres Kindes zu wissen. Noch einen Blick über unseren Tellerrand hinaus: In Frankreich gibt es seit längerem die Möglichkeit, Kinder anonym zu gebären.

Dies trifft im Jahr ungefähr 600 Kinder. Trotz allem werden noch Kinder ausgesetzt. Es wird deutlich, dass natürlich eine neue Nachfrage geschaffen wird durch dieses Angebot. Meine Damen und Herren, ich gebe ehrlich zu, ich weiß in dieser Frage nicht, was der richtige oder falsche Weg ist. Ich denke, alle Optionen haben eine Sicht für sich. Hier ist ein kompliziertes Abwägen verschiedener Aspekte notwendig und, ich denke, dies haben wir bisher zu wenig getan. Ich sage ausdrücklich: Es geht hier nicht um die Interessen der Frauen oder der Kinder, sondern es geht im ganz breiten Maß um ihre gemeinsamen. Lassen Sie uns die Chance, weiter mit Expertinnen ins Gespräch zu kommen und zu beraten. Wir sollten uns mit dieser unglaublich emotionalen Materie nicht so schnell von unseren Gefühlen leiten lassen, sondern wir sollten uns zugestehen, den Blick auch auf die Schattenseiten von Babyklappen und anonymen Geburten zu werfen. Ich bin mir sicher, dass wir Möglichkeiten finden, allen Seiten besser gerecht zu werden. Lassen Sie uns diskutieren über Möglichkeiten, persönliche Daten beispielsweise geschützt in einem Umschlag abzugeben, welcher sicher aufbewahrt wird, egal ob bei einem Not ar oder ähnlichen Einrichtungen, darüber lässt sich diskutieren. Wir sollten diese Aspekte nochmals in Ruhe in den Ausschüssen des Landtags bereden. Ich denke hier nur an den Ausschuss für Soziales, Familie und Gesundheit, an den Justizausschuss und auch den Gleichstellungsausschuss. Vielleicht ist es auch möglich, gemeinsam eine Anhörung durchzuführen.

Meine Damen und Herren, ich denke, wir sollten uns ausführlich dieser Frage widmen, denn ich möchte mir nicht in 2, 5 oder 20 Jahren den Vorwurf machen lassen, unzureichend überlegt und abgewägt zu haben. Ich danke Ihnen. (Beifall bei der PDS, SPD)

Quelle: Spiegel

 

15.06.2001

Im Gespräch
Rückfall in die fünfziger Jahre
ANONYME GEBURT Ulla Jelpke (PDS) über anonyme Geburt, Adoption und Abschiebung

Ulla Jelpke war sechzehn Jahre alt, als sie nach einer Vergewaltigung schwanger wurde. Sie gab ihre Tochter zur Adoption frei. Zusammen mit anderen abgebenden Müttern, Adoptierten, Adoptiveltern und Fachleuten hat sie sich in einer Erklärung gegen Babyklappe und anonyme Geburt gewandt. Ulla Jelpke ist Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der Arbeitsgruppe Innen- und Rechtspolitik der PDS-Fraktion.

FREITAG:

Warum wollen Sie Frauen nicht das Recht einräumen, dem Kind gegenüber anonym zu bleiben?
Ulla Jelpke: Dieses Recht gibt es nicht. Jede Frau hat Verantwortung für das Kind, das sie zur Welt bringt. Auch wenn sie es zur Adoption freigibt, was völlig legitim ist: Das Kind muss erfahren können, wer seine leiblichen Eltern sind. Es ist ein Grundrecht, seine Herkunft zu kennen. Das darf eine Frau ihrem Kind nicht vorenthalten.

Ist es nicht besser, die Anonymität in Kauf zu nehmen, wenn damit Kindern das Leben gerettet werden kann?
Frauen, die ihr neugeborenes Baby töten, sind so verzweifelt, dass sie gar keine Alternativen sehen können. Diese Frauen handeln in Panik. Die machen sich nicht auf den Weg zur Babyklappe, und die gehen auch nicht in die Klinik zur anonymen Entbindung. Ich glaube nicht, dass Babys vor dem Tod gerettet werden durch die Babyklappe oder anonyme Geburt. Ich fürchte eher, dass schwangere Frauen sich vermehrt ihrer Verantwortung nicht stellen, weil es ja so einfach gemacht wird.

Können das die Frauen nicht selbst entscheiden?
Wenn mir damals die Möglichkeit geboten worden wäre, anonym zu bleiben - ich hätte das wahrscheinlich gemacht. Ich weiß aber, wenn die erste Verzweiflung vorbei ist, dann wollen Frauen wissen, was aus ihrem Kind geworden ist. Abgebende Mütter leiden unter diesen Bedingungen ein Leben lang. Mehr als neunzig Prozent machen sich irgendwann auf die Suche nach ihrem Kind und suchen Kontakt.

Die Träger der Babyklappen sagen, dass sich vor allem illegale Frauen in ihrer Not an sie wenden...
Das verwundert mich gar nicht, sie haben ja auch die größte Repression zu fürchten, zum Beispiel Abschiebung. Ich finde das skandalös, dass die gesundheitliche Versorgung noch immer nicht für alle Menschen in diesem Land sichergestellt wird - insbesondere für Illegale. Schwangere Frauen müssen dringend einen Abschiebeschutz bekommen. Denn für sie ist es unzumutbar zum Beispiel mit einem unehelichen Kind in den Iran oder die Türkei zurückzugehen. Legalisierung ist die Lösung - nicht die anonyme Geburt. Dann können Frauen auch wirklich frei entscheiden, ob sie das Kind behalten oder zur Adoption freigeben wollen.

Wie wollen Sie denn verhindern, dass Babys getötet werden?
Erstens ist es allemal sinnvoller, die vorhandenen Hilfen auszubauen und bekannter zu machen. Es ist keine Schande, ein Kind zur Adoption freizugeben. Frauen, die ihr Kind abgegeben haben, trauen sich immer noch nicht an die Öffentlichkeit. Anstatt diese Frauen noch mehr in die Anonymität zu verbannen, sollte für mehr Verständnis geworben werden: Dass sie nämlich keine Rabenmütter sind. Zweitens: Es ist eine geringe Zahl von Aussetzungen und Kindestötungen, die wir jährlich haben. Die Zahlen sind in den letzten Jahrzehnten sogar zurückgegangen. Wieso wird auf einmal so hysterisch reagiert? Es wird ganz offen gesagt: Adoption statt Schwangerschaftsabbruch. Darum geht es. Nicht um die Würde der Frau und auch nicht um ihr Selbstbestimmungsrecht. Die ganze Diskussion ist ein Rückfall in die fünfziger Jahre.

Das Gespräch führte Marion Mück-Raab
Quelle: Freitag

 

Unter der Wurzellosigkeit leiden die Kinder lebenslang
Marion Mück-Raab

ANONYME GEBURT
Bei einer Anhörung im Deutschen Bundestag plädieren Sachverständige für das Recht der Mütter, namenlos zu entbinden.

Wie kommen wir verfassungsrechtlich auf die sichere Seite?" Leider war kein Jurist zugegen, der die Frage von Harald Friese (SPD) bei der Sachverständigenanhörung, die Ende Mai im Bundestag zum Thema "Anonyme Geburt" stattfand, hätte beantworten können. In mehreren Urteilen hat das Bundesverfassungsgericht dem Recht des Kindes, seine Abstammung zu kennen, Verfassungsrang eingeräumt. Auch in der UN-Kinderrechtskonvention ist dieses Grundrecht garantiert. Doch das Gesetz, das Frauen erlaubt, anonym zu gebären und das Kind zurückzulassen, soll noch in diesem Jahr beschlossen werden. Dabei wollen sich die Abgeordneten am französischen Modell orientieren, das Kindern zumindest eine Chance einräumt, etwas über ihre Herkunft zu erfahren.

Die Idee stammt vom Sozialdienst Katholischer Frauen: "Frauen in Not sollen ihre Kinder nicht töten, sie sollen sie lieber bei uns abgeben", fasst Maria Geiss-Wittmann das Anliegen zusammen. Das sei doch, so die CSU-Frau, eine ganz einfache Botschaft. Bereits vor zwei Jahren startete Geiss-Wittmann in Bayern das "Projekt Moses". Nach dem Vorbild jener ägyptischen Prinzessin aus dem Alten Testament, die den auf dem Nil treibenden Moses rettete, will sie "bedrohtes Leben" schützen. Furore machte der Verein Sternipark in Hamburg, der im April vergangenen Jahres die erste "Babyklappe" in Deutschland einrichtete. Seitdem können Frauen ihr Baby in einem Wärmebett aussetzen. Gut zwei Dutzend dieser Einrichtungen gibt es mittlerweile bundesweit. Acht Babys sollen bereits in Hamburg anonym übergeben worden sein, im Mai wurde in Köln ein etwa zwei Tage altes Mädchen ins "Babyfenster" gelegt. Auch in anderen Städten fanden sich schon Säuglinge. Wie viele Kinder insgesamt in den Klappen landeten, ist derzeit nicht erfasst. Ähnlich sieht es bei den anonymen Geburten aus, die - obwohl noch nicht legal - in einigen deutschen Kliniken angeboten werden: Sieben anonyme Geburten haben seit Dezember in Flensburg stattgefunden. Vier dieser Kinder, so das Standesamt, seien noch immer namenlos, das älteste davon fünf Monate alt. In drei Fällen hätten sich die Frauen nach Bedenkzeit anders entschieden. Auch in anderen Städten soll schon anonym entbunden worden sein.

ACCOUCHEMENT SOUS X - DIE ANONYME GEBURT IN FRANKREICH
1941 führte das Vichy-Regime in Frankreich die anonyme Geburt ein. Sie sollte Frauen eine Alternative zur Abtreibung bieten, auf die die Todesstrafe stand. Diese Rechtslage hat dazu geführt, dass heute rund 400.000 Franzosen nichts über ihre Herkunft wissen. Im Jahr 1999 wurden noch 560 Kinder "sous X" geboren, rund zehntausend waren es in früheren Jahren. Nach Schätzungen der Organisation Cadco, die betroffene Adoptivkinder und Mütter vertritt, sind zehntausende von Menschen vergeblich auf der Suche nach ihrer Herkunft. Cadco setzt sich seit langem für die Abschaffung der anonymen Geburt ein.

Ende Mai hat die französische Nationalversammlung einstimmig eine Reform beschlossen: Danach sollen Frauen aufgefordert werden, in einem verschlossenen Umschlag ihre Identität zu bekunden. Diese Daten sollen bei einem "Rat für den Zugang zur Herkunft" gesammelt werden. Das heranwachsende Kind kann, wenn die Mutter ihr Einverständnis gibt, über seine Herkunft aufgeklärt werden. Eine Pflicht, Daten zu hinterlassen, wird es nicht geben. Das Gesetz, das das Herkunftsrecht des Kindes stärken soll, soll noch vor der Sommerpause endgültig verabschiedet werden.

Dass eine rechtliche Regelung dringend benötigt wird, darüber sind sich die Familien- und Sozialpolitiker der Fraktionen einig. Entsprechend war die Sachverständigenanhörung zusammengesetzt: Mehrheitlich waren Befürworter eingeladen, sogar der Flensburger Gynäkologe Ralf-Harald Ackermann, der den ersten anonymen Kaiserschnitt vor laufenden Kameras durchgeführt hatte, durfte etwas zur ärztlichen Betreuung bei Geburten sagen. Verfassungsrechtler allerdings waren nicht unter den Sachverständigen, ebenso wenig die Selbsthilfegruppen der erwachsenen Adoptierten, auch keine Vertreterin des Netzwerk Herkunftseltern. Es fehlte sowohl der Kinderschutzbund als auch Terre des Hommes, beides Organisationen, die sich in den vergangenen Monaten kritisch zu den anonymen Hilfsangeboten geäußert hatten.

Eine grundsätzliche Diskussion fand folglich kaum statt. Die Frage sei doch, so der Personenstandsrechtler Reinhard Hepting, ob Adoptierte unter ihrer Herkunftslosigkeit so sehr litten, dass es besser wäre, sie würden gar nicht leben. "Das Recht auf Leben ist höherrangig", meinten auch die übrigen Sachverständigen. Christine Swientek dagegen, Adoptionsforscherin aus Hannover und eine der schärfsten Kritikerinnen der Gesetzesänderung, stand auf verlorenem Posten. Über ihre Einwände und den wichtigsten Punkt, ob nämlich die "anonyme Geburt" Leben retten kann, wurde nicht debattiert.

Bezweifelt wird das auch von der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe, die eine Stellungnahme zur Anhörung faxte: Das Problem der Kindestötung, so die Ärztinnen, käme am ehesten bei jungen, sehr unreifen Frauen vor, bei denen eine erhebliche Persönlichkeitsproblematik bestehe. Die Frauen merkten oft gar nicht, dass sie schwanger seien und würden von der Geburt überrascht. Töteten sie das Kind, geschehe das in einer Stress- und Panikreaktion unmittelbar nach der Geburt. "Dass die in einem Krankenhaus anonym zur Welt gekommenen Neugeborenen tatsächlich an Leib und Leben bedroht waren, ist mit Fug und Recht zu bezweifeln", meint auch Terre des Hommes. Frauen, die in Panik gerieten, so die Kinderrechtsorganisation, seien unfähig, bestehende Alternativen gleich welcher Art zu nutzen. Terre des Hommes fürchtet aber angesichts des Mangels an Adoptivkindern in Deutschland Missbrauch: Die rechtlich abgesicherte Namens- und Herkunftslosigkeit des Kindes, seine offizielle Nicht-Existenz, leiste dem Kinderhandel Vorschub. Auch lehre die Erfahrung, dass Frauen ihr Kind keineswegs immer freiwillig abgeben, sondern unter Druck gesetzt werden.

Das sieht auch Elke Lehnst von der Berliner Selbsthilfegruppe Mütter ohne Kinder so. Sie erlebt die ganze Diskussion als Missbrauch einer bereits jetzt ausgegrenzten Gruppe von Menschen: "Wie es den Frauen hinterher geht, interessiert niemanden." Zwei Jahre lang leitete Elke Lehnst eine Beratungsstelle für Herkunftseltern in Berlin, die einzige in Deutschland. Sie musste wegen Geldmangels geschlossen werden, doch bis heute erhält Lehnst Anrufe von Frauen, die über Jahrzehnte mit niemandem über die Adoption gesprochen haben. "Die Trauer um das Kind macht diese Frauen krank." Sie entwickelten psychosomatische Störungen, litten unter Depressionen und würden unfruchtbar. "Wenn Mütter glauben, Schwangerschaft und Geburt verheimlichen zu müssen", ist Elke Lehnst überzeugt, "dann würde auch eine Geburt in einem Krankenhaus und die Unterschrift unter einer normalen Adoption sie nicht entlarven." Die Frauen müssten sich vielleicht vor ihrer Umwelt verstecken, Anonymität gegenüber dem Kind aber brauchten sie gewiss nicht.

Dagegen plädiert Elke Lehnst dafür, Frauen in Notlagen zu helfen, anstatt ihre Abhängigkeit zu verlängern. Wichtig ist ihr auch, dass die Adoption enttabuisiert wird und der Druck der Gesellschaft auf die "Rabenmütter" nachlässt: "Die Entscheidung zur Adoption sollte offen und frei als eine Möglichkeit plakatiert werden, die Zugangswege sollten Menschen bewusster und leichter gemacht werden." Für viele ehemals tabuisierte Themen wie Aids oder Missbrauch gibt es zwischenzeitlich Broschüren, Plakate und Werbespots. Die Entscheidung, sich von einem Kind zu trennen und zur Adoption freizugeben, gilt dagegen noch immer als verdächtig.

Mehr Offenheit im Umgang mit Adoption wünschen sich auch die Selbsthilfegruppen der erwachsenen Adoptierten. Auch sie warnen vor den Folgen der Anonymität. Denn unter der Wurzellosigkeit litten Kinder ein Leben lang. Das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit umfasse auch die Kenntnis der eigenen Abstammung, meinte das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil. Ob das französische Vorbild also genügt, um "verfassungsrechtlich auf die sichere Seite zu kommen", wird sich erweisen.

Quelle: Freitag

 

15.05.2001

Anonyme Geburt soll Leben retten
[...] Donum Vitae arbeitet mit Kliniken zusammen - Nächste Woche Start in Deggendorf Regensburg (lby/hr). Donum Vitae will in Zukunft bayernweit Müttern eine anonyme Geburt ermöglichen.

Im ganzen Freistaat sollen Krankenhäuser zusammen mit der katholischen Laienorganisation entsprechende Projekte entwickeln, kündigte die bayerische Donum- Vitae-Vorsitzende Maria Geiss-Wittmann gestern in Regensburg an. Dort können Frauen in Zukunft in der St.- Hedwig-Klinik ihr Kind entbinden, ohne ihren Namen nennen zu müssen. Das Regensburger Krankenhaus ist damit bundesweit das dritte, das Frauen anonyme Geburten ermöglicht. Nächste Woche startet das Projekt "Moses" auch am Deggendorfer Klinikum. In Passau können Mütter schon seit Jahren ihr Kind bei der "anonymen Wiege" abgeben. Das Frauenhaus engagiert sich dabei.

Donum Vitae bietet im Vorfeld eine anonyme Beratung an. Durch das Projekt "Moses" soll verhindert werden, dass Frauen nach der Geburt eines Kindes in einer Notlage ihr Baby aussetzen oder sogar töten. Ziel ist es, Leben zu retten, hieß es bei der Vorstellung des Angebotes. Seit letztem Jahr bietet ein Krankenhaus in Amberg als erste deutsche Klinik anonyme Geburten an. Vor wenigen Wochen ist eine Klinik in Frankfurt/Main diesem Beispiel gefolgt. Derzeit führt Donum Vitae Gespräche mit Behörden in München, Mühldorf sowie in Weiden, um dort anonyme Geburten zu ermöglichen. Weitere Orte in Bayern sollen folgen. "Wir wollen das Projekt vernetzt überall anbieten", sagte Geiss-Wittmann.

Dazu soll ab 1. Juni eine einheitliche und kostenlose Telefonnummer geschaltet werden, unter der die Frauen dann Hilfe erhalten (Telefon 0800/0066737). Laut der Donum-Vitae-Vorsitzenden haben bereits mehrere Frauen das Angebot der anonymen Geburt im Landkreis Sulzbach-Rosenberg angenommen, teilweise seien die Betroffenen aus anderen Bundesländern gekommen. Die genaue Zahl der anonymen Geburten wollte Geiss-Wittmann allerdings nicht nennen. Nach ihren Angaben würden allerdings viele Frauen nach der Geburt ihre Pläne ändern und das Baby doch noch zu sich nehmen. Die Kostenfrage wird ohne die Mütter geregelt. Sollten sich die Frauen allerdings nach der Geburt nicht mehr melden, wird das Baby nach einer Frist von acht Wochen zur Adoption gegeben. Sofern die Mutter den Kontakt zu den Beratungsstellen von Donum Vitae hält, könnte auch nach mehr als einem Jahrzehnt ein Kontakt zwischen dem adoptierten Kind und der Mutter hergestellt werden. Durch das Zeugnisverweigerungsrecht der Donum-Vitae- Berater sei auf jeden Fall sicher gestellt, dass niemand die Identität der Mutter erfährt, versichert Geiss-Wittmann. Die Frauen bräuchten daher keine Strafe zu fürchten.

Quelle: Passauer Neue Presse

 

23.05.2001

terre des hommes gegen anonyme Geburt
[...] Das Kinderhilfswerk terre des hommes (tdh) hat sich gegen eine Erweiterung der rechtlichen Möglichkeiten für anonyme Geburten gewandt. Die anonyme Geburt verletze ebenso wie das Ablegen eines Säuglings in einer Babyklappe das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung, sagte der Adoptionsexperte von tdh am Dienstag in Osnabrück. Das Thema "Anonyme Geburten" steht Ende Mai in einer öffentlichen Anhörung auf der Tagesordnung des Bundestages. Im "Haager Übereinkommen über den Schutz von Kindern und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der internationalen Adoption" sowie in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes sei das Kindesrecht auf Kenntnis der eigenen Abstammung ausdrücklich hervorgehoben worden, betont die Organisation. Bei anonymen Geburten habe das Kind anders als beim geregelten Adoptionsverfahren aber nie wieder die Möglichkeit, später zu leiblichen Eltern und Geschwistern Kontakt aufzunehmen. Über 30 Jahre Erfahrung bei Adoptionen zeigen nach Wackers Angaben, dass sehr viele adoptierte Jugendliche und Erwachsene unter den traumatisierenden Wirkungen des ursprünglichen Weggegebenseins leiden. terre des hommes erklärte, dass die bestehenden gesetzlichen Möglichkeiten, um der abgebenden Mutter Hilfe und Unterstützung zu bieten, ausreichend seien.

Quelle: Yahoo

 

31.05.2001

Der letzte Ausweg: Anonyme Geburt
EIN NEUES GESETZ SOLL VERZWEILFELTEN FRAUEN HELFEN

Ein Krankenhaus in NRW. Eine junge Frau kommt hochschwanger in die Abteilung für Geburtshilfe, entbindet und verlässt einen Tag später die Klinik - ohne ihr Neugeborenes. Der Name, den die Frau bei der Anmeldung angegeben hatte, stellt sich kurze Zeit später als frei erfunden heraus. Ein anderer Fall: Es gibt Komplikationen. Die Geburt per Kaiserschnitt muss eingeleitet werden. Während des anschließenden Krankenhausaufenthalts hat die Mutter keinen Kontakt zu ihrem Kind. Auch ihr Name bleibt unbekannt, als sie fünf Tage später die Klinik ohne ihren Sohn verlässt.

Das sind nur zwei Fälle von anonymen Geburten, die seit Anfang des Jahres im St. Anna Hospital in Herne vorgekommen sind. Zwei von vielen Einzelschicksalen, bei denen verzweifelte Frauen die Geburt ihres Kindes verheimlichen wollten. Glücklicherweise konnten sie zur Entbindung in ein Krankenhaus gehen, die Realität sieht oft erschreckend anders aus: Geheime Geburten finden in öffentlichen Toiletten, in Hinterzimmern oder Kellerverschlägen statt, die Säuglinge werden anschließend notdürftig eingewickelt oder in einen Müllsack gesteckt und abgelegt in einem Straßengraben, einem Waldstück oder in der Kanalisation. Jährlich werden rund 50 bis 60 Findelkinder gefunden, die Dunkelziffer liegt um ein vielfaches höher. Mehr als die Hälfte der Säuglinge ist bereits tot – gestorben während oder nach der Geburt, manche getötet von der eigenen Mutter. Ausgehend von diesen dramatischen Fällen wurde vor gut einem Jahr die erste Babyklappe eingerichtet, mittlerweile gibt es in ganz Deutschland 22, sechs davon in NRW.

AM RANDE DER ILLEGALITÄT
Auch das Hospital in Herne wurde gefragt, ob es eine Babyklappe einrichten würde, aber Gisbert Fulland, Geschäftsführer des St. Anna Hospitals erklärt: "Babyklappen sind nur der halbe Weg". Bei der Überlegung, wie wir als Krankenhaus werdenden Müttern in Notsituationen helfen können, haben wir uns für den ganzen Weg entschieden".
Die Motive der Frau, ihr Kind anonym zu gebären, sind unterschiedlich. Es sind aber immer Ausnahmsituationen: Illegal in Deutschland lebende Frauen, Vergewaltigungsopfer, junge Mädchen, die ungewollt schwanger geworden sind oder Frauen, die aufgrund ihrer Religion Schwangerschaft und Geburt verbergen müssen.
"Für mich ist das einfach erste Hilfe", erklärt Prof. Dr. Joachim Neuerburg, betreuender Arzt im Hospital St. Anna. "Eine Frau, die in so einer Notsituation zu mir kommt, der helfe ich, da geht es nicht um Gesetze, sondern um den Schutz des Lebens von Mutter und Kind." So einfach das für ihn als Arzt ist – so einfach ist es für die Krankenhäuser leider oft nicht. Eine anonyme Geburt verläuft immer noch an der Grenze des Illegalen. Der Grund: Das geltende Personenstandsgesetz verlangt, dass jede Geburt innerhalb von 7 Tagen beim Standesamt angezeigt wird. Das Herner Krankenhaus meldet zwar das Kind, aber trägt beim Namen der Mutter "Anonym" ein. Die Stadt könnte in diesem Fall eine Ordnungsstrafe erheben, erduldet den Fall aber stillschweigend.

Ausschnitt aus "NRW am Abend" vom 29.01.01 über das St. Anna Hospital in Herne

PERSÖNLICHE HINTERLASSENSCHAFT
Natürlich bekommt die Mutter während ihres Krankenhaus-Aufenthaltes einen Namen, allerdings einen Decknamen. Anders wäre ein "normaler" Umgang im Klinik-Betrieb gar nicht möglich. Nur der behandelnde Arzt und der Verwaltungsangestellte wissen dann, dass diese Patientin anonym behandelt wird. Das Kind bleibt nach der Geburt solange in der Obhut des Krankenhauses, bis das Jugendamt zunächst Pflegeeltern bestimmt. Nach der Adoption könnte die leibliche Mutter innerhalb von acht Wochen ihr Kind zurückzunehmen - das ist allerdings bei einer anonymen Geburt bisher nicht passiert. Außerdem kann sie dem Krankenhaus einen Umschlag hinterlassen, in dem sie dem Kind etwas Persönliches hinterläßt – ein Foto, einen Brief oder ähnliches.

AUS DER ANONYMITÄT IN DIE ÖFFENTLICH
"Wir würden gerne ein Netz von Beratungsstellen und Krankenhäusern aufbauen. Die Frauen, die betroffen sind, müssen schnell und einfach Hilfe bekommen", sagt Dr. Joachim Neuerburg. Dazu gehört auch, dass die schwangeren Frauen Informationen zu der Möglichkeit einer anonymen Geburt erhalten, und zwar dort, wo sie auch ankommen. Nummern von Notruftelefonen, Aushänge auf öffentlichen Toiletten und in den Frauenhäusern müssen umfangreich publik gemacht werden.
Die Augusta-Krankenanstalt in Bochum und das Evangelische Krankenhaus in Hattingen bieten mittlerweile ebenfalls an, anonyme Geburten durchzuführen. Vermutlich gibt es noch viele weitere Häuser, die diese Hilfe leisten würden, sobald sich die Rechtslage geändert hat. Aufgrund der bestehenden Situation haben aber viele Krankenhäuser Bedenken. Zudem ist die Kostenfrage nicht geklärt. Zur Zeit wird eine Geburt aus der eigenen Kasse bezahlt.

Lokalzeit im Revier vom 06.02.01 über das Evangelische Krankenhaus in Hattingen

EINIGKEIT IN DER POLITIK
Der Antrag der NRW-CDU, der am Mittwoch (02.05.01) im Landtag gestellt wurde, wird jetzt im frauenpolitischen Fachausschuss diskutiert und voraussichtlich in den kommenden Wochen verabschiedet. Frauenministerin Birgit Fischer (SPD) begrüßte das Vorhaben. Voraussetzung für das Vorhaben ist allerdings eine Änderung des bestehenden Bundesrechts. Wie die frauenpolitische Sprecherin in NRW, Regina van Dinther (CDU), bestätigte, wird sich der Bundestag Ende Mai mit dem Thema beschäftigen.
Bereits im September vergangenen Jahres starteten über 50 prominente Frauen aus den Bereichen Medien, Sport und Kultur eine Initiative für die anonyme Geburt. Was in Frankreich, Luxemburg und 28 US-Staaten schon praktiziert wird, soll auch in Deutschland Wirklichkeit werden. In einem offenen Brief forderten sie die Bundesministerin der Justiz, Frau Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin, dazu auf, sich für eine legale anonyme Entbindung unter ärztlicher Aufsicht einzusetzen.

Anonym ja – aber nicht allein. Vielleicht würden dann am Ende sogar die Babyklappen unnötig.

 

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